In Vietnam ticken die Uhren anders

Mir ist geht schon lange die Uhr an meinem Backofen hier in Hanoi auf die Nerven. Es hat überhaupt keinen Sinn, die Uhr zu stellen, da sie schon nach wenigen Tagen wieder Minuten bis Stunden falsch vorauseilt. Ich habe das zuerst auf schrottige Technik geschoben, bin jetzt aber dem Grund auf die Schliche gekommen:
Bei der Backofenuhr handelt es sich um eine elektrische Synchronuhr, also eine billige Uhr, die auf einen Quarzkristall als „Taktgeber“ verzichtet und stattdessen die Frequenz der Wechselspannung nutzt. Diese wird vom Netzbetreiber auf konstant bei 50 Hz gehalten (Primär-/Sekundärregelung). Gibt es aber dauerhafte kleinere Abweichungen dieser Netzfrequenz vom Sollwert, kann sich diese zu einem Gangfehler in der „Netzzeit“ aufaddieren : 
Im europäischen Verbundsnetz ENTSO-E kümmert sich Swissgrid (natürlich die Schweizer…) darum, dass die Uhren richtig gehen. Wird der Gangfehler der Netzzeit zu groß, tritt die Quartärregelung (Time Error Correction) in Kraft.

Das vietnamesischen Stromnetz geht allerdings nicht mit schweizer Präzision an die Frequenzstabilisierung. Zugegeben, Vietnam ist nicht nicht so gut mit seinen Nachbarn vernetzt wie die europäischen Netze und damit auf sich alleine gestellt, aber für Synchronuhren schaut es nicht gut aus.

Ich habe mal in den letzten vier Tagen nachgemessen: in vier Tagen entstand schon ein Gangfehler von über 15 Minuten:

 

Allerdings gab es auch in Europa vor kurzem eine Ausnahme: energiepolitische Streitigkeiten  zwischen Serbien und dem Kosovo führten dazu, dass die Netzfrequenz über eine längere Zeit einbrach und die eine Netzzeitabweichung von 6 Minuten entstand.

Einen Überblick über den aktuellen globalen Zustand der Frequenzabweichungen bietet diese Weltkarte.

5 Gedanken zu „In Vietnam ticken die Uhren anders

  • 5. April 2018 um 21:44
    Permalink

    Verstehe ich es richtig: bei f > 50 Hz liegt ein Überangebot an Leistung im Netz vor? D.h. ein wenig vernetztes Land wie Vietnam genehmigt tendenziell immer etwas zu viel Einspeisung, ehe es durch Unterversorgung bei Nachregelung der Frequenz Lastabwürfe riskiert?

    Antwort
    • 7. April 2018 um 9:39
      Permalink

      Korrekt. In Vietnam gibt es (noch) keine vollautomatisierte Frequenzregelung, sondern man geht eher manuell an die Sache ran. Daher geht man eher auf Nummer sicher und fährt eher in Richtung Überfrequenz, da sich die Erzeugung eher regeln lässt als die Last.

      Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .